Leseproben

aus dem Buch
Drei Monate im August

von Max Claro, HELLER VERLAG, ISBN 978-3-929403-45-9


Leseprobe 1 (Rettungsdienst) - aus Kapitel "Leiche am Morgen"

"Berger Rettung 49/71/1", tönte es aus dem Funkgerät.
"Berger Rettung 49/71/1 hört!"
"Ostfriedhof, unklar, Sie werden am Haupteingang St. Martins-Platz von einem Wachmann erwartet!"
Tom wiederholte den Einsatzbefehl, schaltete das Blaulicht ein und startete los. "Unklarer Einsatz nachts am Friedhof? Vielleicht ist ja einer von den Toten auferstanden", witzelte Pfiff.
"Oder es liegt ein Besoffener am Friedhofstor und kotzt uns gleich den ganzen Wagen voll", ernüchterte ihn Tom sogleich.
Unter den Arkaden des monumentalen Eingangsgebäudes wartete ein großer, stämmiger Wachmann mit dunklem Teint und einer großen Taschenlampe.
"Ich bin Ismail. Ich habe da was gehört. Vielleicht lebt noch! Bitte mitkommen!", sagte der Mann und ging mit seiner Taschenlampe voran in die große Leichenhalle im linken Flügel des Gebäudes, gefolgt von Tom und Pfiff, der schon den Rettungsrucksack nebst Defibrillator geschultert hatte.
"Hier ist!"
Ismail deutete auf einen verschlossenen Sarg, der auf einem Podest stand.
Alle drei hielten den Atem an und ihre Ohren ganz nah an den Sarg. Eine Ratte huschte durch das Licht der Taschenlampe. Es herrschte Totenstille.
"Kann man hier denn mal das Licht einschalten?", fragte Tom.
"Warum brauchst du Licht zum Hören?", fragte Ismail zurück.
Die drei hielten nochmals den Atem an und ihre Ohren an den Sarg. Tatsächlich war ein ganz leises Röcheln vernehmbar.
Pfiff und Tom entschieden sich, den Sarg vom Podest zu heben und zu öffnen. Im Schein von Ismails Taschenlampe erblickten sie die in ein weißes Hemd gehüllte Leiche einer sehr alten Frau.
Am Großzehen ihres rechten Fußes hing ein Zettel mit ihrem Namen, Geburts- und Sterbedatum. Die Frau hieß Angelika Gruber, wurde 88 Jahre alt und war hochoffiziell gestern gestorben.
Pfiff bat Ismail um seine Taschenlampe und hielt sie ganz nahe an den Mund der kalten Dame. War sie noch am Leben, würde sich ihr Atem am Schutzglas niederschlagen. Tatsächlich ...


Leseprobe 2 (Fallschirmspringen) - aus Kapitel "Dropzone"

Auf 4.000 m öffnete die Springerin am Ausstieg den Rollladen und blickte senkrecht nach unten. Pilot Florian beherrschte sein Handwerk, konnte punktgenau nach GPS absetzen, fuhr das Triebwerk zurück und legte den Kippschalter für das GO-Signal um: Eine grüne Lampe über der Türe signalisierte nun den Springerinnen und Springern die Freigabe zum Absprung.
Steffis Angels rotteten sich zusammen, brüllten laut: "Ready - Set - Go!", und sprangen ab. Das Blind-Aerospasticus-Team rückte schnell nach und sprang wenige Sekunden später ebenfalls mit einem lauten "Ready - Set - Go!" in die Tiefe.
Der Motorenlärm des Flugzeugs wich plötzlicher Stille. Nur der Wind säuselte angenehm um ihre Ohren. Ein Hochgefühl aus grenzenloser Freiheit, Unbeschwertheit und Leichtigkeit beschlich ihre Springerseelen. War es genau dieses Gefühl, das sie antrieb, sich immer wieder und wieder aus völlig intakten Luftfahrzeugen zu stürzen? Das sie süchtig danach machte? Sie konnten sich im freien Fall im Spiel mit dem Luftwiderstand bewegen wie Fische im Wasser, schneller, langsamer, nach rechts nach links, nach vorne, nach hinten, ja sogar Saltos und Rollen fliegen. Und das auf den Punkt genau und ohne jegliche technische Hilfsmittel. Der pure freie Fall hatte etwas zutiefst Sinnliches! Das Flugzeug war der menschliche Körper selbst! Hände, Arme, Beine und Füße ersetzten Schwenkflügel, Quer- Höhen- und Seitenruder.
Ihre ganze Konzentration ...

... Nach einer Weile holte Tom seinen Tandemschirm, ging mit Isabell zur Ausstiegsattrappe, zog ihr das Passagiergurtzeug an und übte mit ihr das synchrone Setzen in die Türe und den synchronen Absprung.
"Willst du nun?", fragte Tom.
"Lust hätt' ich schon, aber ich schau' da nicht aus viertausend Meter runter. Ich will dich dabei anschauen. Kannst du mich nicht einfach anders herum einhängen ... ich meine so, dass ich dich anschaue und nicht nach unten?"
"Du hast vielleicht Ideen! Erstens geht das nicht und zweitens ist es nicht erlaubt", erklärte Tom und erschrak zugleich über seine eigenen Worte.
"Dann spring' ich auch nicht!", reagierte Isabell prompt.
"Obwohl", beschwichtigte Tom, "genau das waren für mich nie Kriterien ... Geht nicht gibt's nicht! ... und was verboten ist, hat mich schon immer besonders gereizt. Lass' mich mal überlegen, wie wir das anstellen könnten!"
Tom machte ein nachdenkliches Gesicht und Isabell sah ihn so fordernd an, als wollte sie sagen: Na, dann lass dir mal ganz schnell was einfallen, bevor ich's mir anders überlege.
...


Leseprobe 3 (Amouröse Abenteuer) - aus Kapitel "Dekadentes Wochenende"

... "Sigmund Freuds Beschreibung der oralen Phase und der kindliche Lustgewinn durch Daumenlutschen sind für dich doch ein Heimspiel. Da weißt du sicherlich mehr darüber als ich, oder?", fragte Tom leicht provozierend.
"Könnte sein, wenn ich beim Studium richtig aufgepasst habe. Warum fragst du?"
"Ich hab' da neulich gelesen, amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass dieser frühkindliche Selbstbefriedigungsreflex auch bei Erwachsenen noch da ist, und dass Frauen, die beim Sex ein Fäustchen machen und sich den Daumen in den Mund stecken, einen bis zu dreißig Prozent intensiveren Lustgewinn beim Liebesspiel und beim Orgasmus empfinden."
"Ist ja interessant! Tiefenpsychologisch wäre das denkbar. Wo hast du das gelesen?"
"Ich glaube, im Stern, oder vielleicht auch im Spiegel oder Focus. Ich kann es dir raussuchen. Das Heft müsste noch im SKYHIGH liegen."
"Ja, die Quelle würde mich interessieren … und die Namen der Wissenschaftler."
"Und weißt du, was sie noch herausgefunden haben? Wenn Frauen, während sie Sex haben, beide Hände zu Fäustchen geballt und beide Daumen im Mund haben, würde das ihren Lustgewinn bis zu fünfzig Prozent steigern! Wollen wir das mal ausprobieren?"
"Verrückt, verrückt, verrückt!", lachte Isabell, ballte ihre beiden Hände zu Fäusten und schob ihre beiden Daumen in ihren wunderschönen, erdbeerrot geschminkten Mund, während Tom sie kräftig nahm.
Sie erlebten tatsächlich nahezu zeitgleich einen überaus intensiven Orgasmus, bei dem Tom, wie immer, herzhaft lachen musste.
"Warum lachst du?", fragte Isabell verdutzt und amüsiert zugleich.
"Erstens, weil ich immer beim Orgasmus lachen muss, wenn mir nicht gerade jemand das Fleisch in Fetzen vom Rücken kratzt."
"Und zweitens?"
"Zweitens sag ich dir nur, wenn du mir versprichst, nicht sauer zu sein, und unser schönes Experiment zu Ende führst."
"Sag schon!"
Tom zögerte einen Moment.
"Zweitens muss ich dir gestehen, dass die Story mit den Daumen im Mund frei erfunden war, damit du mich weder kratzen noch beißen kannst."
Isabell trommelte mit ihren Fäusten auf seinen gestählten Körper.
"Na warte, du Schuft! Das gibt Revanche! Beim nächsten Mal wirst du meine Tigerkrallen zu spüren bekommen. Du weißt ja: Ich bin ein Raubtier!"
"Für das nächste Mal hab' ich Handschuhe, Beißknebel und Hand- und Fußschellen besorgt!", triumphierte Tom, "das war Bedingung und du hast zugestimmt."
Isabell grinste diabolisch in sich hinein und schwieg. Einerseits hätte sie ihn gerne gekratzt und gebissen, bis das Blut spritzte, andererseits sollte er ruhig mal ihren Dompteur spielen, solange er die Rolle beherrschte.
...